Scharfer Protest gegen evangelikalen Kongress in Marburg

Scharfer Protest gegen evangelikalen Kongress in Marburg

Verbände befürchten Diskriminierung und Menschenrechts-Verletzungen

Von Andreas Klamm

Marburg. 9. April 2009. Nora Nebenberg vom Bündnis „Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus“ in Marburg hat in einer Pressemitteilung scharf gegen einen evanglikalen Kongress in Marburg protestiert und beklagt zudem die Pathogenisierung gleichgeschlechtlicher Sexualität als Menschenrechts-Verletzung.

Die Sprecherin erklärte so wörtlich: „Es ist ein Skandal, dass die Stadt Marburg sowie die Universität solchen reaktionären Veranstaltungen und christlichem Fundamentalismus eine Bühne bietet. Wir fordern Stadt und Uni auf, dem Kongress keinerlei Räume zu Verfügung zu stellen. Sollte die Veranstaltung dennoch stattfinden, dann nicht ohne unseren Protest.“. Das Bündnis erteilte zu dem Kongresses eine „klare Absage.“

Vom 20.-24. Mai 2009 soll in Marburg der „6. Internationale Kongress für Psychotherapie und Seelsorge“ statt finden. Organisiert wird der internationale Kongress von evangelikalen Gruppierungen unter dem Motto „Begegnung zwischen Psychotherapie und christlicher Seelsorge in Wissenschaft und Praxis“. Mehr als Einhundert Workshops sind geplant, die sich unter anderem mit Themen aus dem Bereich Sexualität und Identität beschäftigen.

„Unter dem Deckmantel der Wissenschaft vermitteln einzelne ReferentInnen ein konservatives Bild von der heterosexuellen Ehe als einzigem Lebensmodell und stigmatisieren Homosexualität als krankhaft und nicht erwünscht.“, teilte das Bündnis „Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus“ weiter mit.

Die Kongressworkshops sollen in öffentlichen Räumen, wie dem Hörsaal-Gebäude der Universität, der Stadthalle und der Martin-Luther-Schule Platz statt finden.

Das Bündnis sieht in der Pathologisierung gleichgeschlechtlicher Sexualität eine Menschenrechtsverletzung.

Evangelikale sind eine konservative Strömung innerhalb des Protestantismus, teilt das Bündnis mit, die sich durch fundamentalistische Auslegung der Bibel, Absolutheits- und Missionierungsanspruch auszeichnet und die nach gesellschaftlichem Einfluss streben.

Als ein Beispiel für den evangelikalen Protestantismus wird Marburger Christus Treff vorgestellt, dessen wöchentliche Gottesdienste großen Anklang finden. Roland Werner, Leiter des Christus Treffs und Vorsitzender des Jugendkongresses Christival referiert ebenso wie Hanna- Barbara Gerl-Falkovitz, die gemeinsam mit anderen ReferentInnen im Beirat der Offensive Junger Christen (OJC) sitzt.

Bereits beim Christival 2008 in Bremen wurde das vom OJC vorbereitete Seminar „Homosexualität verstehen“ , aufgrund von öffentlichen Protesten, abgesagt. Beide Referenten vertreten den Ansatz, dass Homosexualität eine Krankheit ist und damit auch heilbar.

Sie setzen sich für Therapien ein, um Homosexuelle „umzupolen“, was ihre homophobe Einstellung besonders deutlich macht. Auch der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) in Deutschland sieht in den Inhalten des Kongresses eine Gefahr für die Rechte von Lesben und Schwulen.

Laut Informationen des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland sei die „Akademie für Psychotherapie und Seelsorge e.V.“ in Frankenberg, dafür bekannt, Anti-Homosexuelle Angebote zu unterstützen. Die Referenten seien eindeutig der Evangelikalen Richtung homophober Hetze zuzuordnen. Namentlich genannt werden in einer Pressemitteilung die Referenten Markus Hoffmann von der Organisation „Wüstenstrom e.V“ und Christl Ruth Vonholdt vom „Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft“.

Das Bündnis schrieb in einem offenen Brief an Oberbürgermeister Egon Vaupel (Marburg), den Präsidenten der Uni Marburg und den Dekan des Fachbereichs Psychologie und wünscht die Absage der Veranstaltung.

Die Bundesregierung habe zu diesen Organisationen festgestellt (Bundestags-Drucksache 16/8022 vom 12.02.2008): „Die vor allem in den 60er und 70er Jahren häufig angebotenen so genannten „Konversions“- oder „Reparations“-Therapien, die auf eine �Änderung von gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten oder der homosexuellen Orientierung abzielten, werden heute in der Fachwelt weitestgehend abgelehnt.“

Weitere und ausführliche Informationen über das Bündnis sind bei www.noplace.blogsport.de zu finden.

Der Christus-Treff in Marburg beschreibt sich als eine offene Gemeinde mit einem überregionalen Netzwerk in Marburg, Jerusalem und in Berlin. Man verstehe sich als eine ökumenische Gemeinschaft von evangelischen und katholischen Christen, von Landes-Kirchen-Mitgliedern und Angehörigen von Freikirchen. Informationen zum Christus-Treff sind bei www.christus-treff-marburg.de im Internet zu finden.

Der Verein Wüstenstrom e. V. veröffentlichte bereits eine Erklärung zur Kampagne gegen das Christival im Jahr 2008 in dem der Verein sich als ein Beratungsdienst selbst beschreibt: „Wüstenstrom e.V. ist ein Beratungsdienst, der solche Menschen begleitet, die ihre Sexualität konflikthaft empfinden. Dazu gehören Menschen mit Problemen im Bereich der Heterosexualität genauso wie Menschen, die Fragen hinsichtlich ihrer homoerotischen Empfindungen haben. Die Gruppe der Ratsuchenden, die homosexuell empfindend sind, liegt derzeit bei rund 25%.

Wüstenstrom e.V. führt die Beratungen auf der Grundlage genau ausgewiesener ethischer Grundlagen durch Diese umfassen die Entscheidungsoffenheit der Beratung genauso wie die Klarstellung, dass wir jede Form der “Umpolung“ wie auch der Konversionstherapie ablehnen.

Dagegen haben wir uns, wie in der modernen Sexualwissenschaft üblich, einem plastischen Sexualbegriff verpflichtet. Er basiert darauf, dass sexuelle Orientierungen komplexe und nicht zuletzt psycho-sozial wie auch kulturell bedingte Phänomene sind.

Auch haben wir genau und für jeden Fachmann nachvollziehbar definiert, wann Sexualität als konflikthaft bezeichnet werden kann. Ein Leitkriterium dafür ist die Beobachtung, dass Menschen ihre Sexualität als Absicherung für unsichere, emotionale Zusammenhänge ihrer Persönlichkeit benutzen können“. Der Verein Wüstenstrom e.V. informiert in seiner Präsentation im Internet weiter: „Der Verein ist ein Verein der von Betroffenen für Betroffene gegründet wurde.“

Die vollständige Erklärung ist bei http://www.wuestenstrom.de/index.dhtml/2649ddd63215f11872mj/-/deDE/-/CS/-/news/artikel/erklaerungen/news/2008/200802/ErklrungChristival zu finden.

Informationen zum Verein Wüstenstrom e.V. sind bei www.wuestenstrom.de abrufbar.

„Wir wollen Menschen helfen, die sich eine Verringerung ihrer homoerotischen Gefühle wünschen“, sagt Elke Pechmann, Sprecherin des von Christl Ruth Vonholdt geleiteten „Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft“. Man fühle sich diskriminiert.

In einer Selbstdarstellung teilt die Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) mit: „Die DIJG setzt sich für homosexuell oder bisexuell empfindende Männer und Frauen ein, die ihre homosexuellen Impulse als unvereinbar mit ihren Wünschen, Überzeugungen und Lebenszielen ansehen. Diese Menschen sind heute eine fast vergessene Minderheit. Sie suchen therapeutische oder seelsorgerliche Wege, die zu einer Abnahme ihrer homosexuellen Impulse und zur Entwicklung ihres heterosexuellen Potentials führen können.
Das DIJG respektiert die Würde, Autonomie und den freien Willen eines jeden Menschen. Homosexuell empfindende Menschen haben das Recht, eine homosexuelle Identität anzunehmen; sie haben aber ebenso das Recht, einen Weg der Veränderung zu gehen mit dem Ziel der Abnahme ihrer homosexuellen Impulse. Das Recht, eine Therapie mit dem Ziel der Abnahme homosexueller Impulse einzugehen, sollte unveräußerliches Recht sein; es gehört zur Selbstbestimmung und Freiheit eines jeden Menschen.“ Mehr Informationen dazu bei www.hv-cv.de/4.html

Der Vorsitzende des Arbeitskreises der Lesben und Schwule in der SPD (Schwusos) in Hessen, Ansgar Dittmar, erklärt zu dem bevorstehenden Internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge in Marburg (20. bis 24. Mai 2009) forderte in einer Erklärung an die Presse:

„Homoheiler dürfen nicht auftreten ! Der Kongress für Psychotherapie und Seelsorge in Marburg wird Angebote zur „Heilung“ Homosexueller anbieten. In solchen Angeboten liegt eine homophobe Grundhaltung. Es ist in einer aufgeklärten Gesellschaft nicht zu akzeptieren, dass Menschen versuchen, Lesben und Schwule mit obskuren Theorien zu beleidigen und zu diskriminieren. Gerade junge Homosexuelle, die sich in der schwierigen Findungsphase befinden (sog. Coming-out) werden durch solche Angebote behindert, zu sich selbst zu finden. Hier dürfen sich die Leitung der Universität, aber auch die Stadt Marburg nicht ihrer Verantwortung entziehen. Wenn dieser Kongress in der Stadthalle abgehalten wird, so muss die Stadt Marburg bei Beibehaltung der Kongressthemen ihre Konsequenzen ziehen. Aber auch die Unileitung muss sich ihrer Verantwortung stellen. Besonders verwunderlich ist, dass das Hessische Wissenschaftsministerium stillhält. Hier bedarf es eines Machtwortes – auch um deutlich zu machen, dass die Hessische Landesregierung nicht die Ideen der Homoheiler klammheimlich unterstützt.“

Der Verband kritisierte zudem: „Wir erinnern uns noch sehr gut, dass das die Kinder-Ärztin Frau Dr. Christl Ruth Vonholdt von der CDU im Anhörungsverfahren zum Hessischen Anpassungsgesetz zur Lebenspartnerschaft in der 16. Wahlperiode berufen wurde. Frau Kühne-Hörmann muss nun deutlich erklären, wie sie zu den Homoheilern steht. Ein Blick nach Berlin ist hier richtig. Der Senat von Berlin hat gerade erst mit der Initiative „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“ einen großen Schritt in die richtige Richtung getan. Dies muss aber in allen Bundesländern und auf Bundesebene fortgesetzt werden. Auch Hessen könnte hier wieder „vorn“ sein!“ Dazu bedarf es aber des Mutes und des Willens – beides ist bei der Hessischen Landesregierung, sowohl bei FDP als auch bei CDU offensichtlich nicht vorhanden.“ Ausführliche Information sind im Internet bei http://www.lsvd.de/611+M59e1ff1accf.0.html zu lesen.

Abgeordnete der Partei Bündnis 90 / Die Grünen kündigten bereits einen Widerstand gegen den Kongress an. Die Partei Die Linke will über die Veranstaltung des Kongresses in der Stadtverordneten-Sitzung diskutieren.

Der Marburger Oberbürgermeister Egon Vaupel distanzierte sich bereits von strittigen Referenten und sagte „Positionen, die sich gegen homosexuelle Identitäten und Lebensweisen richten, lehne ich ab.“ Einen Grund dem Kongress abzusagen bei dem mehr als 1.000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen erwartet werden sehe er nicht.

Noch bis 1994 galt männliche Homosexualität im Paragraphen 175 im Strafgesetzbuch als „strafbar“. Der Pargraph 175 war vom 1. Januar 1872 (Inkrafttreten des Reichstrafgesetz-Buches) bis zum 11. Juni 1994 in Kraft. In dem Paragraphen wurden sexuellen Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe gestellt. Der Paragraph wurde 175 wurde im Jahr 1994 abgeschafft.

In den Jahren 1933 bis 1945 wurden in der Diktatur der Nationalsozialisten (Nazis) sowohl ein Vielzahl von Christen, um ein Beispiel zu nennen, Dietrich Bonhoeffer, als auch eine Vielzahl von Menschen mit einer homosexuellen Lebensweise ermordet.

Liberty and Peace NOW! Human Rights Reporters
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